Wie viel Qual verträgt Genuß?

New York wird per Gesetz ab 2022 den Verkauf von Foie Gras verbieten

Ein Beitrag von Eva-Miriam Gerstner | CCM3 Consulting UG

Bild: Quelle Foto Credit: Urban Ruths
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Keiner von uns kann das alles wirklich als gut empfinden.


Newsticker aus den USA: New York wird per Gesetz ab 2022 den Verkauf von Foie Gras verbieten. Was folgte, war ein Feuersturm quer durch die internationale Presse.

Produzenten und Gastronomen wollen sich die Delikatesse nicht verbieten lassen, Tierschützer hingegen bejubeln die Entscheidung.

Letztere hatten so lange Druck auf die Regierung ausgeübt, bis deren Argumenten, die Herstellung von Foie Gras sei tierquälerisch, nun per Gesetz stattgegeben wurde. Die Industrie sagt, stimmt nicht.

Fakt ist, täglich wird den zu mästenden Gänsen und Enten ein Stahlrohr gewaltsam in den Hals bis in den Magen gedrückt und ein Maisbrei mit dem nötigen Druck eingefüllt. Und zwar so viel davon, dass das Tier noch Stunden danach bewegungsunfähig ist - jeder von uns kennt das Gefühl des „überfressen“ seins.

Das durch diese Prozedur entstandene, völlig überfettete Leber-Organ ist nach gut 3 Wochen fertig produziert, und das Tier somit schlachtreif. Das Ganze funktioniert am Fließband, Tier her, Schlauch rein, Tier weg. Verletzungen, Missstände, Quälereien aus solchen Fabriken sind dokumentiert, wie überall. Keiner von uns kann das alles wirklich als gut empfinden.

Sidekick: Kalifornien hatte 2004 schon einmal einen Vorstoß gewagt und Foie Gras gesetzlich verboten – und musste die Gesetzesänderung wieder zurückziehen, nachdem die Lobby dagegen geklagt hatte.

Jedoch ist in den letzten 15 Jahren viel passiert.

Unser Bewußtsein für „gute“ und „schlechte“ Produkte ist sensibilisiert, die Zahl der Vegetarier und Veganer steigt, „regional“ und „nachhaltig“ sind quasi zur Normalität geworden, Öko ist chic und wir achten alle auf unsere Umwelt- und Klimabilanz. Soweit also eigentlich alles ganz gut. Eigentlich scheinen wir auf einem guten Weg.

Dazu passend ein aktuelles Zitat von Richard David Precht aus seinem Buch „Tiere denken“: „Noch nie war die Kluft so groß, die das, was Menschen im Umgang mit Tieren für richtig halten, und das, was tatsächlich praktiziert wird, voneinander trennt.“

Nur vordergründig geht es hier um das Thema „Foie Gras“, eigentlich aber um viel mehr.

Letztlich dreht es sich um die industrielle Fertigung von tierischen Produkten, die zum Verzehr gedacht sind. Um Massentierhaltung. Um Tierfabriken. Um in jedweder Form lebensunwürdige Um- und Zustände.

Betrachtet man die Gesamt-Prozesse, von der Besamung, über die Aufzucht und Haltung, bis hin zu Transport und Schlachtung ist das Ganze mit unserer menschlichen Wertehaltung nicht vereinbar - und ethisch und moralisch nicht tragbar.

Bleiben wir in Deutschland: Rechtlich untermauert wird der generelle Tierschutz durch das deutsches Tierschutzgesetz (...das im Übrigen das Stopfen von Enten und Gänsen in Deutschland verbietet).

Artikel 1 besagt: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leid oder Schäden zufügen.“

Der tierische Alltag in unseren Tierfabriken und Schlachthöfen sieht allerdings anders aus.

Das ist die Realität.

Es kann nicht sein, dass der beschriebene vernünftige Grund „wirtschaftliches Interesse“ ist , und somit Artikel 1 aushebelt. Ausbeutung ist in Deutschland ebenso verboten, zumindest unter Menschen. So konkret ist dies aber im Tierschutzgesetz nicht verankert.

Artikel 1 besagt weiter, dass der Zweck dieses Gesetz ist, „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“.

Es obliegt also per Gesetz unserer Verantwortung, das Tier, das Lebewesen zu schützen. Im Umkehrschluss ist es dann auch unsere Verantwortung , die Kluft, zwischen dem, was wir im Umgang mit Tieren für richtig halten, und das was tatsächlich praktiziert wird, so gering wie möglich zu halten.

Der größte Teil aller tierischer Produkte, die wir in der Gastronomie verwenden, stammt aus Massentierhaltungen. Zumeist gibt es auch keine andere Wahl. Wir stehen alle im alltäglichen Kampf mit dem Wettbewerb und der Umsatzmaximierung, mit begrenzten Budgets, systematisierten Arbeitsprozessen, Hygieneverordnungen usw. Das ist die Realität.

Und ich kenne kaum Kollegen, die sagen würden, dass das Tier ihnen scheißegal ist. Das Bewusstsein in unserer Branche ist da. Wir tun unser Bestes, aber wir wissen um die Zustände in den Produktions- und Schlachtbetrieben. Jeder kämpft für sich und für seinen Betrieb, kämpft darum die Gästewünsche zu einem ordentlichen Preis zu befriedigen. Man kämpft um die eigenen Kennzahlen – und da bleibt oftmals nur ein Schulterzucken und ein fragender Blick: „Was soll ich denn noch alles tun?“.

Der Markt funktioniert nun einmal so. Dagegen haben wir keine Chance.

Bild: Quelle Eva-Miriam Gerstner | PETA Kampagne 2011 | Foie Gras: Gestopft, gequält, getötet | www.peta.de/gerstner

Das heißt aber nicht, dass wir nicht in der Verantwortung stehen.

Wir sind mit unserer Bestell-Liste, unserem Einkauf und der Wahl unserer Lieferanten die Entscheider.

Ich persönlich habe mich 2011 schon gemeinsam mit der Tierschutzorganisation PETA gegen den Verkauf von Foie Gras in der Gastronomie ausgesprochen; habe an die Kollegen appelliert, Alternativen anzubieten und bewusst auf gewisse Produkte zu verzichten. Die Branche sollte umdenken.

Genauso war mein Appell an den Konsumenten, mit Konsumverweigerung ein Veto einzureichen. Ich war gegen Gesetze und Verbote. Das hat sich geändert.

Tatsache ist, wir benötigen Gesetze und Verbote.

Die tierquälerische Herstellung von Produkten, diese Produkte an sich, die Massentierhaltung, Tierfarmen und –fabriken, qualvolle Tiertransporte, industrielle Massenschlachtungen ... all das gehört auf den Index und verboten.

Vorbote muss eine radikale Kennzeichnungspflicht sein.

Und es darf keine Förderung für die industrielle Tierhaltung mehr durch öffentliche Mittel geben!

Wir müssen darauf plädieren, dass wir, als moralische Wesen, eine ethische Verpflichtung den Tieren gegenüber haben!

Am Ende ist es dann auch für uns alle einfacher, da für jeden dasselbe Gesetz gilt. Und der Konkurrenzdruck uns nicht zu einem Handeln zwingt, das wir eigentlich gar nicht wollen.

Die Industrie wird sich anpassen. Schauen wir uns das Rauchverbot an.

Hier gab es weltweite und drastische Veränderungen in den letzten 15-20 Jahren. Mit Auswirkungen auf viele angegliedert Branchen.


Der Aufschrei mag groß sein.

Erst werden sich alle wahnsinnig aufregen, alles wird vermutlich etwas teurer werden, der Aufschrei wird riesengroß sein, jeder hat etwas dazu zu sagen, aber am Ende werden letztlich alle froh sein, dass es so gekommen sein wird.

Es muss sich etwas ändern und es wird sich auch ändern.

So wie es ist, ist es nicht mehr tragbar.

Wenn wir als Gastronomen Gesetze, Kennzeichnungspflicht und klare Richtlinien fordern und fördern, wird das zum Wohle aller sein. Und vor allem zum Wohle von Milliarden von Tieren!


Lesen Sie dazu auch einen Bericht auf www.tophotel.de | Fine Dining

>> weiter zum Beitrag "New York verbietet den Verkauf von Stopfleber"...


Bild: Quelle www.tophotel.de

Fotos: Eva-Miriam Gerstner | CCM3 Consulting UG