Globale Essgewohnheiten

Kinder

Eine kulinarische Reise zu globalen Essgewohnheiten

Kinder wollen knabbern! Was sie dabei konsumieren, dokumentierte Fotograf Gregg Segal. Die freizeit schaut über den Tellerrand.

von Florentina Welley Kurier.at


Kinder lieben wenn es raschelt und knackt. Und zwar alles. Vom gesunden Essen bis zum lustvollen Pausen-Snack. Was sie dabei konsumieren, zeigt ein neuer Bildband von Gregg Segal, der Kinder aller Länder mit ihrem persönlichen Wochenkonsum fotografierte.

DEUTSCHLAND / June Grosser, 8 Jahre.

June lebt in Hamburg und isst am liebsten Wiener Schnitzel! Ihre Mutter, eine Modefotografin, versucht es öfters auch mit Curry und Trüffel – doch das mag sie nicht. Auch Brokkoli isst June erst seit Kurzem – und fühlt sich nach dem Essen pappsatt.

Eine Geschichte, die zeigt, dass die Speisepläne global gar nicht so unterschiedlich sind. Und was auf den Teller der Kleinen kommt, wird immer noch von den Eltern zubereitet.

© Bild: Gregg Segal/Gabriel Verlag 2020

INDIEN / Chetan Menge, 10 Jahre

Chetan liebt Huhn. Jetzt isst er sogar rohe Zwiebel dazu, die er noch vor Kurzem nicht ausstehen konnte. Er lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Deonar, einem Vorort von Mumbai und grüßt vor jedem Essen mit der tiefen Verbeugung „Namaste“.

"Schlemmen und schlimm sein, das wollen Kinder“, schreibt Motivforscherin Helene Karmasin in ihrem Buch „Die geheimen Botschaften unserer Speisen“ und erklärt damit gleich, worauf es beim Essen ankommt: auf ein lustvolles Erlebnis. Wird diese Botschaft richtig vermittelt, werden Kinder selbst „gesunde“ Gerichte voller Freude verspeisen. Schaut Essen zu gesund aus, haben die Kleinen wenig Lust darauf, denn sie wollen etwas knabbern, das nicht langweilig aussieht. Was eignet sich da besser als etwa bunt verpackte Schokoriegel, knusprige Chips oder fett gebratene Sticks? Vielleicht kommen gerade deswegen gebackene Fischstäbchen so gut an.

© Bild: Gregg Segal/Gabriel Verlag 2020

FRANKREICH / Soulaymane Landim Silva Fernandes, 8 Jahre.

Soulaymane liebt Fisch. Und den isst er immer anders. Einmal gesund, wenn ihn seine Mutter kocht und mit Gemüse auftischt. Und einmal ungesund, als Fischstäbchen von Fast-Food-Ketten. Seine Großeltern kamen von Marokko nach Frankreich.

Auch Geschmack muss wachsen. Und ändert sich. So sind auch die kulinarischen Freuden der Erwachsenen stets im Wandel. In Österreich zeigt sich, dass traditionelle Gerichte wie Wiener Schnitzel oder Gulasch mit Knödel immer öfter durch aktuelle Kulinarik-Schmankerln ersetzt werden, die unsere Küche beeinflussen. Egal ob bei Veganern, Flexitariern oder Vegetariern, die österreichische Küche ist heute mit kulinarischen Einflüssen der ganzen Welt gewürzt. „Foodtrends sind Antworten auf aktuelle Bedürfnisse und Probleme und spiegeln wandelnde Werte“, schreibt Food-Trendexpertin Hanni Rützler. Und Ernährungsberaterin Andrea Ficala sagt, „zu einem Esstrend entwickeln sich sofort gegenteilige Trends. Also zu regional – global, zu Fast Food – Slow Food und so weiter.“ Aber generell sind ganz klare Veränderungen im Ess-Verhalten zu bemerken. "Von Zeiten des Verzichts hin zum absoluten Überfluss. Vom Zuhause von der "Hausfrau und Mutter" gekocht, bis hin zum Außer-Haus-Essen und Snacken bei der Berufstätigkeit aller", sagt Ficala. "Aktuell erleben wir auch einen Trend hin zu vegetarischen Ernährung, es wird vieles ethisch hinterfragt und auch auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen bewertet. Aber auch hier bitte nicht vergessen: das alles passiert in einer gewissen Bevölkerungsschicht mit mittlerem bis höherem Einkommen. Es gibt Stadt-Land-Unterschiede, z.B. auch die Entwicklung hin zum Singlehaushalt verändert natürlich auch unser Ernährungsverhalten. Grundsätzlich ist das Interesse an Gesundheit groß, aber in der Umsetzung noch immer schwierig für die meisten von uns." Da aber vor allem junge Frauen die größte Ernährungs-interessierte Zielgruppe sind, entstehen Ernährungstrends dort, wo es Menschen wirtschaftlich gut geht."

© Bild: Gregg Segal/Gabriel Verlag 2020

BRASILIEN / Kawakanih Yawalapiti, 9 Jahre.

Kawakanih gehört zu einem der 15 Xingu-Stämme im Amazonasbecken. Sie spricht drei Sprachen und hilft bei der Ernte von Maniokknollen, die zu Tapioka-Mehl verarbeitet werden. Am liebsten isst sie neben Fisch, den sie selbst fängt, Tapioka, Früchte und Nüsse.

Lustvolle Snackification

Und wie zeigt sich das auf dem Speiseplan? Üppige Mahlzeiten, wie etwa der typisch österreichische Schweinsbraten werden immer öfter durch gesunde Mini-Snacks, Meal-Sharing, kleine Portionen, die man mit den anderen teilt, oder durch Bowles ersetzt. Ein Trend, der aus Asien kommt, bei dem alle Lieblingszutaten lustvoll in einer kleinen Schüssel serviert werden. Dass „raw food“ und „Snackification“ sich sogar positiv auf die Ernährung der Kinder auswirken können, zeigt die aktuelle HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children). Die Kinder- und Jugendgesundheitsstudie aus 46 Ländern belegt, dass 44 Prozent der österreichischen Schüler zwar mehr süße Snacks, aber dafür auch täglich frisches Obst oder Gemüse essen – und sogar mehr Sport machen als früher. Was heute auf den Teller kommt hängt oft vom regionalen Angebot ab. Das wird nicht zuletzt dank Köchen, wie dem Südtiroler Norbert Niederkofler, Gründer von CARE's, The ethical Chef Days, gefördert. Er arbeitet mit den Bauern zusammen, damit sie wieder alte Gemüse- und Getreidesorten anbauen. So schmeckt dann die Pasta aus Bella Italia mit Sardellen und Radicchio vollendet gut.

© Bild: Gregg Segal/Gabriel Verlag 2020
© Bild: Gregg Segal/Gabriel Verlag 2020

USA / Hank Segal, 8 Jahre.

Hank hat es gut. Denn seine Eltern haben am Fuß des San-Gabriel-Gebirgszugs in Los Angeles einen Garten. Durch den tobt Hank mit seinem Hund Django gerne. Er liebt Cherrytomaten, Artischo- cken, Zucchini, Granatäpfel, Yamswurzeln und Wolfsbarsch.


Globale Foodies

Natürlich liegt es etwa in Indien auf der Hand, wenn frisches Curry-Huhn, Mango Lassi und Roti (Fladenbrot) auf dem Speiseplan stehen. Wie etwa bei Chetan, der aus Mumbai kommt. Während bei Soulaymane in Frankreich mehr Fisch auf den Teller kommt. Dass Kinder gerne ihr gesundes Essen mit süßen Snacks aufmixen, erklärt sich von selbst. Auch dass knusprige Hummer-Hot-Dogs die Lieblingssnacks nordamerikanischer Kinder sind. Diese und noch mehr Menü-Beispiele zeigt das Buch „Über dem Tellerrand“ von Gregg Segal. Der US-Fotograf ließ Kinder weltweit aufzeichnen, was sie in einer Woche essen, bevor er sie mit den Speisen im Studio fotografierte.

© Bild: Gregg Segal/Gabriel Verlag 2020

BUCH: Alle Bilder aus: Segal, Gregg „Über den Tellerrand – Was Kinder hier und anderswo essen“ Aus dem Englischen von Ebi Naumann 120 Seiten, 20,60 Euro (A), ISBN 978-3-522- 30552-5, Stuttgart: Gabriel Verlag 2020


KOCHEN MIT KINDERN

Was steckt nicht alles dahinter, wenn Kinder anhand eines Rezepts gesunde Basiszutaten in eine wertvolle Lieblingsspeise verwandeln: Lesen, rechnen, komplexe Abläufe planen, Chemie, Physik zum Beispiel. Als Inspiration dazu finden Sie jeden Tag eines unserer bewährten Lilli-Rezepte auch online: www.kurier.at/freizeit. Schreiben Sie uns unter dem Betreff „Kochen mit Lilli“, was Sie sich wünschen: freizeit@kurier.at. Dann können Sie sogar mitbestimmen, was gekocht wird.

Lillys kinderleichte Rezepte gibt’s auch als Buch: Lilly kocht! Tyrolia Verlag, 19,95 €


https://kurier.at/freizeit/essen-trinken/die-welt-am-teller-eine-kulinarische-reise-zu-globalen-essgewohnheiten/400820678